BIM im Zentrum der Kollaboration und des Lebenszyklus von Gebäuden

Bei ENGIE finden das Know-how in der Gebäude- und Anlagentechnik, in Facility Services und innovativen Energiedienstleistungen unter einem Dach zusammen. Deshalb wird hier das digitale Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden mit der BIM-Methode grossgeschrieben. BIM-Manager Michael Schwery spricht über die aktuellen Entwicklungen bei ENGIE Schweiz.

Sie schrieben 2018 in diesem Blog, dass BIM in der Planungsphase längst angekommen sei, aber das Modell selten auf die Baustelle gelange. Haben die digitalen Bauwerksmodelle heute den Sprung in die Realisierungsphase geschafft?
Auf der Baustelle ist BIM tatsächlich keine Zukunftsmusik mehr, sondern hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr zum Standard entwickelt. Fast in allen grösseren Projekten arbeiten wir nun auch in der Ausführung mit der BIM-Methode. Seit ich vor 30 Jahren in die Gebäudetechnikplanung eingestiegen bin, sind die integrale Planung und disziplinenübergreifende Anwendung ein zentrales Thema. Mithilfe von BIM und dessen Methoden ist die Umsetzung nun aber viel einfacher geworden.

Welche Ziele verfolgen Sie bei ENGIE mit BIM?  
Aus unserem integralen Verständnis für Anlagen und Immobilien resultiert für unsere Kunden entscheidender Nutzen. Mit der BIM-Methode haben Bauherren über den gesamten Lebenszyklus hinweg maximale Transparenz und Kostenkontrolle. BIM erhöht die Planungssicherheit, optimiert die Bauzeiten und bildet ausserdem eine gute Basis für das Facility Management. Für uns als Komplettanbieterin für die Entwicklung, Planung, Ausführung und den nachhaltigen Unterhalt von Gebäuden hat BIM grösste Relevanz.
Wir führen aber nicht nur «Big BIM»-Projekte aus, sondern wenden oftmals nur ausgewählte Teilaspekte an. Man trifft in unseren Projekten zum Beispiel häufig BIM-basierte Kollaborationsplattformen an, die den Projektbeteiligten eine gemeinsame Datenumgebung zur Verfügung stellen.

Was kann mit diesen Plattformen erreicht werden?
Durch die Nutzung der modellbasierten Kollaborationsplattformen haben die Projektbeteiligten Zugriff auf alle Informationen. Änderungen am Modell werden nicht nur transparent kommuniziert, sondern können auch jederzeit nachverfolgt werden. Denn die Historie der Änderung bleibt bestehen. Dadurch werden Fehler vermieden, die durch bilaterale Vereinbarungen entstehen können.

Haben Sie hierzu ein Beispiel?
In der herkömmlichen Methode kommt es oft vor, dass der Architekt mit dem Lüftungsplaner bespricht, dass ein Kanal umplatziert werden soll. Manchmal wird dabei übersehen, dass die Umplatzierung Einfluss auf das Tragwerk haben oder Kollisionen mit der Heizung verursachen kann. Wenn dies über die Kollaborationsplattform besprochen wird, sehen alle am Projekt Beteiligten sofort, ob die Änderung einen Einfluss auf die eigene Disziplin hat, und können zeitnah reagieren.

Wie kann BIM das Facility Management unterstützen?
So, wie die Gebäude in der Schweiz gebaut und betrieben werden, wechseln die Projektgrundlagen mehrmals die Hand  ̶  von der Planung zur Realisierung und von dort zum Betrieb. Bei jedem Wechsel entsteht ein grosser Wissensverlust. Der Projektabwicklungsplan im BIM-Projekt (BAP) definiert, in welcher Bauphase welche Informationen ins Modell einfliessen müssen und wer für das Abfüllen der Informationen verantwortlich ist. So wird im Laufe des Bauvorhabens das BIM-Modell, das sowohl im Zentrum der Kollaboration als auch des Lebenszyklus steht, stetig mit Informationen ergänzt, die hier gespeichert bleiben und auch später auch für den Betrieb, zum Beispiel das Facility Management, genutzt werden können. Entscheidend ist allerdings, dass das Facility Management möglichst früh, also bereits in der Planungsphase, involviert wird, um die für den Betrieb notwendigen Informationen frühzeitig definieren und im Modell hinterlegen zu können.

Und was kann die BIM-Methode im Energiebereich bewirken?
Mithilfe von BIM können schon während der Planung, aber auch später im Betrieb anhand des Modells (digital Twin) energetische Simulationen und Optimierungen mit Kostenauswirkungen durchgeführt werden. So lässt sich zum Beispiel mit einem sehr geringen Aufwand prüfen, welche Auswirkungen eine energetisch optimierte Fassade hat oder wie viele Jahre es dauern würde, die dadurch entstehenden Mehrkosten über den Energiegewinn zu amortisieren.

Welche Tools nutzt ENGIE, um BIM in der Bauausführung gewinnbringend nutzen zu können?
Unser Scanner wird vor allem bei der Caliqua AG und der Lier Energietechnik AG für Bestandsaufnahmen eingesetzt. Anhand der getätigten Scans kann mit relativ geringem Aufwand eine bestehende Anlage nachmodelliert und dadurch zum Beispiel die Basis für eine Sanierung oder Umbau geschaffen werden.

Zurzeit evaluieren wir die Beschaffung einer Robotic-Totalstation. Damit kann man Anzeichnungen von Aussparungen, Einlagen, Bohrungen für Aufhängungen und Ähnliches sehr effizient und mit hoher Genauigkeit aus dem Modell auf die Baustelle bringen und dadurch Kosten für Manpower und Ungenauigkeiten mit manuellem Ausmessen deutlich verringern.

Ausserdem nutzen wir ein Virtual-Reality-Setup, um zum Beispiel Bauherren, die gelegentlich Mühe haben, aus einem 2D-Plan die für sie relevanten Informationen zu eruieren, einen sehr realitätsnahen Eindruck ihres künftigen Bauwerks zu ermöglichen. Dadurch können sie schon in frühen Planungs- und Bauphasen prüfen, ob zum Beispiel die Armaturen gut zugänglich sind oder ob ein Filter in einem Luftbehandlungsgerät einfach ausgetauscht werden kann.

Welche BIM-Innovationen werden den Kunden von ENGIE zukünftig erwarten?
Ein Ziel ist es, in Zukunft quasi per Knopfdruck aus dem Modell heraus vorfabrizieren zu können. So lassen sich zum Beispiel Heizverteilungen, die im BIM-Modell exakt zum Bauwerk passend abgebildet sind, in der sauberen Werkstatt vormontieren und müssen nicht auf der Baustelle unter schlechteren Bedingungen zusammengebaut und angepasst werden. Das würde diese Prozesse sehr vereinfachen und natürlich auch Kosten sparen.Ich bin überzeugt, dass in fünf bis zehn Jahren auch herkömmliche Pläne auf der Baustelle verschwinden werden. In mittelfristiger Zukunft wird man eher «Ikea-Bauanleitungen», welche die Installationsschritte Punkt für Punkt abhandeln, und keine überladenen 2D-Pläne mit allen Projektinformationen mehr antreffen. Dann muss man kein gewerkespezifischer Fachmann mehr sein, um eine bestimmte Montage vornehmen zu können. Ich glaube, auf der Baustelle werden sich Generalisten durchsetzen, die alle Disziplinen (Heizungs-, Kälte-, Lüftung- und Sanitärtechnik) abdecken können. Von diesem Zukunftsszenario sind wir zwar noch etwas entfernt, aber wir arbeiten daran, die Prozesse und Tools Schritt für Schritt intuitiver zu gestalten und an die Anforderungen moderner Werks- und Montagepläne anzupassen.