«Der Energieverbrauch von Gebäuden kann halbiert werden bis 2050.»

Wolfgang Schwarzenbacher

Während die Schweiz über die Energiezukunft diskutiert, gibt es in der Praxis immer mehr alltagstaugliche Lösungen für den effizienten Umgang mit Energie. Die Digitalisierung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wieso, erklärt Wolfgang Schwarzenbacher im Interview.

 

Ist Energieeffizienz ein Megatrend oder ein überstrapaziertes Schlagwort, Herr Schwarzenbacher?
Für viele Unternehmen ist Energieeffizienz bereits heute eine tägliche Herausforderung. Produkte müssen energieeffizient sein, um sich am Markt zu behaupten. Das gilt für die Waschmaschine zu Hause ebenso wie für grosse Industrie und Produktionsanlagen. Auch in die Forschung wird viel investiert. Deshalb ja, Energieeffizienz bleibt ganz klar ein Megatrend. Sie ist ein zentraler Bestandteil der nachhaltigen Wirtschaft. Ergänzt und vorangetrieben wird dieser Trend neu auch durch die Digitalisierung.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
Die Digitalisierung durchdringt aktuell so gut wie alle Lebensbereiche – auch unsere Gebäude, die zu den grossen und oft ineffizienten Energieverbrauchern gehören in der Schweiz. Neue Technologien helfen uns immer besser dabei, Energie nur dann zu verbrauchen, wenn wir sie wirklich benötigen. Ein Beispiel sind intelligente Gebäude. Künftig lernen unsere Wohnungen und Häuser, wann wir zu Hause sind und welche Räume wir wie nutzen, und sie managen den Energieeinsatz ganz von selbst. Grundlage sind viele kleine Sensoren und die Automation von Gebäuden.

Wie sehen unsere Häuser in zehn Jahren aus?
Wohngebäude und immer mehr auch Zweckbauten werden nicht nur Solarzellen auf dem Dach, sondern auch an den Fassaden haben. Damit die Energie auch im Winter und in der Nacht verfügbar ist, wird die lokale Speicherung zum Standard. Zudem verfügen Gebäude künftig über eine integrale Steuerung für Heizung, Lüftung, Beleuchtung und Storen, aber auch die Unterhaltungselektronik. So können sie von überall her gesteuert werden. Dank gezieltem Energiemanagement bleibt der Energieverbrauch immer so tief wie möglich, natürlich ohne Verzicht auf Komfort.

Wie kann Energie effizienter und nachhaltiger genutzt werden in der Schweiz?
Ein riesiges Potenzial liegt in der Sanierung von Gebäuden. Insgesamt kann der Energieverbrauch des Schweizer Gebäudeparks bis 2050 fast halbiert werden. Dazu muss jedoch der grosse Bestand an alten Gebäuden saniert werden, was nur sehr schleppend vorangeht. Mit moderner Gebäudetechnik werden sich Gebäude in Zukunft zu einem guten Teil selber versorgen können.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Ja, das Zukunftshaus in Brütten, das ENGIE mitgebaut hat, ist ein weltweiter Benchmark für energieeffiziente Gebäude. Dieses Mehrfamilienhaus ist zu 100 Prozent energieautark. Es benötigt weder Öl noch Gas zum Heizen und versorgt sich selbst mit Energie. Sogar der Anschluss ans örtliche Stromnetz entfällt komplett. Möglich ist dies mit Photovoltaik auf dem Dach und an der Fassade, Wärmepumpen sowie verschiedenen Energiespeichersystemen. Mit dem Projekt soll gezeigt werden, was heute möglich ist.

Gebäude werden aber zukünftig sicher auch mehr vernetzt. Vernetzung ist nicht nur in Gebäuden, sondern auch in Quartieren angesagt. Welche klimafreundlichen Energieformen können da genutzt werden?
Richtig, vernetzte Quartiere und Gemeinden werden zunehmen. Ein grosses Potenzial besitzt hier beispielsweise Seewasser oder Abwärme aus der Industrie. Wir betreiben in Immensee am Zugersee einen sogenannten Energie-Ring. Dort nutzen wir aktuell die Energie aus dem Zugersee, könnten aber auch Energiequellen wie Abwärme von lokalen Betrieben oder Sonnenenergie einspeisen. Mit einer effizienten Wärmepumpe wird dem Seewasser die Energie entzogen und dann über ein unterirdisches Rohrleitungsnetz verteilt. Dank smarter Vernetzung könnte mittelfristig die ganze Gemeinde sowie weitere Verbraucher im Bezirk Küssnacht effizient und umweltfreundlich geheizt und gekühlt werden – auch im Winter!

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