Perfomance Gap: Warum energieeffiziente Gebäude oft nicht halten, was sie versprechen

Dr. Stefan Jäschke

In vielen Schweizer Gebäuden besteht ein «Perfomance Gap»: Die theoretisch geplanten Effizienzwerte werden in der Praxis bei weitem nicht erreicht. Weshalb dies so ist und welche Rolle Energiemanagement mit dem richtigen «Dirigenten» spielt, erklärt Prof. Dr. Jäschke im Interview.
 

Welche Hebel sehen Sie, um Gebäude effizienter zu machen?
Mit 45 Prozent des schweizweiten Energiebedarfs gibt es viel Potenzial.Es gibt zwei massgebliche Hebel. Einerseits die richtige Dimensionierung und den richtigen Einsatz von effizienter Gebäudetechnik. Und andererseits die energetische Optimierung des Betriebs solcher Anlagen. Speziell beim zweiten Punkt gibt es in der Schweiz noch viel zu tun.

Wieso gibt es beim effizienten Betrieb von gebäudetechnischen Anlagen noch viel zu tun?
Hohe Effizienzwerte eines Gebäudes sind gut planbar. Diese im täglichen Betrieb zu erreichen, ist jedoch eine grosse Herausforderung. Dazu braucht es viel Information und Expertise. Meist wissen die Betreiber und Nutzer von Gebäuden nichts davon, was sich Architekten und Planer bei der Ausgestaltung der Gebäudetechnik überlegt haben. Das ist vergleichbar mit einem Orchester. Es reicht nicht aus, einfach die besten Musiker zu engagieren. Sie brauchen einen Dirigenten. Er orchestriert die unterschiedlichen Instrumente richtig. So entsteht die schöne Musik für die Zuhörer.

Was hat ein Orchesterdirigent mit dem effizienten Betrieb von gebäudetechnischen Anlagen zu tun?
Ganz einfach. Die Kältemaschine darf beispielsweise nicht gleichzeitig kühlen, wenn die Heizung läuft. Sie lachen; doch das kommt häufiger vor, als Sie denken. Die unterschiedlichen Gewerke müssen optimal aufeinander abgestimmt sein; wie die Instrumente in einem Orchester. Dazu brauchen Sie jemanden, der das gesamte «System» und vor allem seine Abhängigkeiten kennt. Technik ist das eine. Nutzung das andere. Sie brauchen folglich einen Dirigenten – in unserem Fall einen professionellen Facility Manager, der alles miteinander durch gutes Management verbindet. Dies zum Wohle der Gebäudenutzer.

Einmal in Betrieb nehmen und dann läuft alles von selbst – das funktioniert also nicht?
Richtig, es braucht eine Einregulierung, welche in der Tat äusserst anspruchsvoll ist. In der Realität besteht oft eine Diskrepanz zwischen geplanten Zielgrössen und tatsächlichen Energieverbrauchswerten im täglichen Betrieb. Wir sprechen dabei von einem Performance-Gap. Die Nutzung eines Gebäudes ist je nach Tags- oder Jahreszeit verschieden. Ausserdem ändert die Nutzung von Räumen innerhalb eines Gebäudes über die Zeit. Wo gestern ein Einzelbüro war, ist morgen ein Ruheraum. Deshalb muss die Gebäudetechnik möglichst optimal auf die Nutzung eines Gebäudes abgestimmt sein. Bei einem «lebendigen» Organismus – wie einem Gebäude – keine einfache Aufgabe.

Wie kriegt man das hin?
Mit einem Energiemanagement. In einem ersten Schritt müssen Sie die Daten Ihrer Anlagen kontinuierlich messen. Danach kommen intelligente Algorithmen und das Fachwissen von Experten zum Zuge. Damit decken Sie Muster Ihrer Anlagenperformance auf. Wenn Sie diese gezielte Analyse in Beziehung zur eigentlichen Nutzung Ihres Gebäudes setzen, können Sie den Betrieb merklich optimieren. Aufgrund ständiger Veränderungen ist dies eine Daueraufgabe. Schlussendlich sparen Sie damit aber viel Geld.

Wie gross ist das Effizienzpotenzial von Gebäude konkret?
Für Gebäude ohne vorgängiges Energiemanagement besagt eine anerkannte Faustregel: Mit einfachen und kurzfristigen Sofortmassnahmen sparen Sie rund 10 Prozent der Energie ein. Dies erreichen Sie unter anderem, indem Sie die Laufzeiten und Temperaturen Ihrer Anlagen richtig einstellen. Hohe Investitionen sind dazu meist nicht nötig. Weitere 10 Prozent sparen Sie mit mittel- und langfristigen Massnahmen ein. Und das Schönste dabei ist: Alles ohne Komforteinbusse für die Nutzer von Gebäuden!


Zur Person:
Dr. Stefan Jäschke Brülhart ist Professor für Immobilienmanagement und Dozent für Energie- und Gebäudetechnik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW). Ausserdem ist er Gründer und Vorstandsmitglied der Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft.

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